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Erik Studte ab Herbst neuer Zirkusdirektor

Nach über 16 Jahren wird der Gründer und bisherige Zirkusdirektor Friedemann Ziepert in diesem Jahr die Leitung des Circus MoMoLo übergeben. Wir begrüßen seinen Nachfolger Erik Studte als zukünftige Leitung und haben mit ihm zum Einstieg ein Interview geführt. Viel Freude beim Lesen.


Erik, wie bist Du auf den Circus MoMoLo gekommen?

Aufmerksam wurde ich auf MoMoLo vor ein paar Jahren durch das Zirkuszelt an der Saale. Beim einem Spaziergang - ich war gerade mal wieder zu Besuch in Jena - fiel es mir erstmalig auf. Ich kannte ja Jena relativ gut, da ich von 1989 - 1994 schon mal hier gelebt habe. Das Zelt war neu.

Vor zwei Jahren hat mich dann die Liebe zurück nach Jena geführt und seitdem wohne ich hier wieder fest. Eines Tages leitete mir meine Frau die Stellenausschreibung für die Leitung des Circus weiter. Und obwohl ich gar nicht aktiv auf Stellensuche war, musste ich nicht lange überlegen, denn in der Tätigkeitsbeschreibung bündelte sich so viel von dem, was ich bislang beruflich gemacht hatte.


Woher kommst Du und was hat Dich bisher in deinem Leben umgetrieben?

Geboren bin ich in Arnstadt. Ich bin also eine Thüringer Pflanze. Mein Leben mäanderte wohl mehr, als dass es gerade dahinfloss. Zufällen habe ich anfangs unbewusst, später immer aktiver Spielräume in meinem Leben gelassen. Nach einer Ausbildung zum Holzfäller, noch in der DDR, arbeite ich als Erziehungspfleger in der Diakonie. Irgendwie hatte ich in den Jahren davor wohl versäumt, das Abitur zu machen. Aber mich interessierte ein Theologiestudium. Das war breit gefächert und weniger ideologisch verseucht. Also drückte ich parallel zur Arbeit in der Diakonie an den Abenden in Arnstadt noch mal die Schulbank fürs Abi. Nach meiner Zeit als Bausoldat kam ich 1989 zum Studium der Theologie nach Jena. Das waren bekanntlich sehr turbulente Zeiten. Wenig später gab es das Land nicht mehr, in dem ich geboren und aufgewachsen war. Parallel zum Theologiestudium klopfte das Theater immer mehr an meine Tür - zuerst leise, später unüberhörbar. Über die Pantomime-Klasse von Harald Seime traf ich auf Leute, die im Sommer quer durch Thüringen fuhren, um auf Marktplätzen, in Dorfkneipen, Burgruinen, an allen möglichen und unmöglichen Orten Theater spielten. Mal waren wir mit Traktor und Hänger, mal mit Pferdewagen und im nächsten Sommer dann auch mit LKW von Ort zu Ort unterwegs. Aus diesen Sommertouren heraus gründeten wir die Theaterscheune Teutleben. Aber dieses Kapitel zu öffnen, würde hier den Rahmen sprengen. Jedenfalls hatte ich mich wohl sehr bald schon mit dem Bühnenvirus infiziert und das Theologiestudium zog den Kürzeren. In den Folgejahren machte ich eine Ausbildung zum Theaterpädagoge und absolvierte in Berlin eine Schauspiel - und Regieklasse und blieb in Berlin. Ich arbeitete 13 Jahre als festes Ensemblemitglied der Shakespeare Company Berlin, machte Abstecher zu Film und Fernsehen, aber die Bühne blieb immer das Zentrum. Für den dm-drogeriemarkt arbeite ich seit vielen Jahren im Ausbildungsmodul „Abenteuer Kultur“. Meine Professionalisierung und was mich im Leben bewegte, passierte auf Umwegen und durch Umwege hat mich die Bühne gefunden.

Was bedeutet für Dich Zirkus?

Zirkus ist für mich zuerst einmal ein riesiger Spielplatz der Möglichkeiten, um das Unmögliche zu wagen. Er ist für mich eine Bühne, wo jeder Mensch seiner Neugier ein zu Hause geben kann. Im Zirkus können alle Generationen spielerisch Talente entdecken. Und sprechen wir vom zeitgenössischen Zirkus - und das sollten wir unbedingt tun - geben sich in der Arena neben den klassischen Zirkusdisziplinen auch alle anderen Kunstsparten ein Stelldichein. Da herrscht eine bezaubernde Vielfalt, eine Magie, die gar nicht mehr beschworen werden muss. Und deshalb ist Zirkus auch so enorm wichtig, vor allem für Kinder und Jugendliche. Hier lernen sie sich spielerisch kennen. Hier begegnen sie sich selbst in der Begegnung mit anderen. Hier erfahren sie Grenzen und die Möglichkeit ihrer Verschiebung.

Des Weiteren ist für mich Zirkus mit seiner Arena ein symbolträchtiger Ort, an dem wir ziemlich gut Demokratie üben können. Die Gleichzeitigkeit verschiedenster Dinge bildet das Leben hervorragend ab. Ein Bretterrund und der Mensch in der Mitte. Braucht es mehr?

Und nicht zuletzt ist Zirkus natürlich auch für mich ein Ort, der mit vielen Kindheitserinnerungen verbunden ist. Gefühlt stand ich als Kind Tage lang am Hintereingang des Zirkus, wenn er in Arnstadt zu Gast war. Ich versuchte einen Blick zu erhaschen noch vor der Vorstellung. Ich wollte sehen wer da die Musik machte. Ich wollte sie sehen, die Artisten, die Clowns, das ganze Zirkusvolk bei ihrer Pause am Hintereingang. Auf einer schlammigen Wiese einer Kleinstadt gab es jedes Mal ein diffuses Versprechen auf eine andere Welt.

Welche Neuigkeiten erwartet der Circus MoMolo vielleicht mit Dir als neue Leitung?

Nun, ich habe keine irgendwo schwebenden Veränderungsvisionen. MoMoLo gibt es schon eine beachtliche Zeit und vieles ist seit der Gründung 2006 wirklich gut gewachsen. Das heißt natürlich nicht, dass automatisch immer alles rund läuft - logisch. Aber ich habe jedenfalls nicht vor, das Rad neu zu erfinden, sondern lieber gemeinsam mit dem gesamten MoMoLo-Team nach der Beschaffenheit der Speichen zu schauen, um mal im Bild zu bleiben. Und Bewährtes sollte dabei die Basis für Neues bilden. Die Konsolidierung und Weiterentwicklung der Zirkusschule, unser Workshopangebot für Kinder und Jugendliche, aber auch für Erwachsene, finde ich essentiell. Die weitere Verflechtung in die Stadtgesellschaft hinein und über Jena hinaus liegt mir ebenfalls am Herzen. Wie gesagt, ich komme von der Theaterbühne. Kann gut sein, dass ich nach Kollaborationen in diese Richtung schaue. Ebenso interessieren mich Crossover zu Tanz, Musik, zum Erzählen, letztlich zu allem, was sich unter dem Zelt des zeitgenössischen Zirkus versammeln kann. Was mich gleichfalls interessiert, wäre die Suche nach Schnittpunkten mit dem Wissenschaftsstandort Jena. Gibt es da Synergieeffekte?

Und zu guter Letzt und vor allem, weil es unsere Pflicht ist, zu träumen: Es wäre doch toll, der Circus MoMoLo hätte neben dem wunderbaren Zirkuszelt auch einen Spiel- und Trainingsort für die ganz kalte Jahreszeit!

Übergabe im Fluss: Friedemann Ziepert (l) und Erik Studte(r) (c) Tina Peißker